2013

 

 

Sich spüren


Mit Yoga zum Einklang von Körper und Seele


oder: Mit Achtsamkeit zu einem gesunden Körper


Viele Menschen halten Yoga für einen Sport, bei dem es gilt, sich möglichst anspruchsvoll zu verknoten. Doch ist es das wirklich? Ist Yoga vergleichbar mit Ballett oder Aerobic? Für wen ist es geeignet? Und wo sind die Grenzen? Zwei Yogis erzählen, was Yoga wirklich ist: Eine Reise zu sich selbst, zu der man Körper und Seele mitnimmt.
Wann und warum ist Yoga gesund?
Es ist unbestritten, dass Stress und Bewegungsmangel zu den größten Gesundheitskillern überhaupt zählen, auch im orthopädischen Bereich. Stress führt zu Verspannungen, einer falschen Körperhaltung und dadurch schließlich häufig zu Schmerzen. Hier setzt Yoga an: Beim Yoga dehnt und streckt sich der Körper in alle Richtungen. Verspannungen lösen sich, der Mensch richtet sich automatisch auf und der Körper kommt wieder in Balance. Gleichzeitig trainiert es viele im Alltag unbeanspruchte Muskelpartien und bringt dadurch mehr Kraft und neues Gleichgewicht.  Wer bereits längere Zeit auf einem Bein stehend den Baum geübt hat, weiß, was gemeint ist. Da man Yoga außerdem meist barfuß übt, wird auch die sensomotorische Wahrnehmung geschult. Zu spüren, wie die Füße auf dem Boden stehen, wie man im Boden verankert ist, formt ein Bewusstsein für die eigene Körperhaltung.
Studien zeigen: Yoga kann tatsächlich positive Wirkungen auf verschiedene gesundheitliche Probleme haben, z.B. auf Asthma, Herzinsuffizienz und Bluthochdruck. Eine in diesem Jahr erschienene amerikanische Meta-Analyse mehrerer Studien (Hagins et al.) stellt fest, dass der Blutdruck bei Hochdruckpatienten durch Yoga signifikant gesenkt werden kann. Dass Yoga sowohl das subjektive Wohlbefinden als auch die Lungenfunktion von Asthmatikern positiv beeinflusst, zeigt eine englische Studie von 2009 (Vempati et al.). Und mehrere aktuelle amerikanische Studien legen nahe, dass Yoga sowohl die Symptome einer Herzinsuffizienz verbessert als auch durch die Krankheit verursachte Angstzustände und Depressionen. Bereits seit 1998 haben mehrere internationale Studien nachgewiesen, dass Schmerzsymptome wie Rücken- und Kopfschmerzen gelindert werden können. Trotzdem gibt es auch Publikationen, die keinen solchen Nutzen finden konnten. Und Kritiker, die behaupten, Yoga schade dem Körper sogar. „Yoga – Experten warnen vor den Folgen“, titelte beispielsweise der Berliner Tagesspiegel im vergangenen Jahr, und die ARD widmete eine Folge ihrer Wissenschaftssendung „W wie Wissen“ der „dunklen Seite“ von Yoga.
Das sieht auch Eric Brown so. Der 63-Jährige ist einer der erfahrensten und renommiertesten Yogalehrer Münchens, ebenfalls ehemaliger Tänzer und praktiziert Yoga seit den 1960er Jahren. Das sieht man ihm auch an. Seine Überzeugung: „Yoga ist mehr als nur ein glorifiziertes Stretching“. Denn das Wort Yoga kommt von den Sanskrit-Begriffen yuga für Joch und dem Verb yuj. Gemeint ist damit zum einen das Anspannen oder Anschirren des Körpers an die Seele, zum anderen aber auch das Einswerden mit Gott oder dem Universum. Yoga ist mehr als eine Rückenschule – dahinter steckt eine ganze Philosophie. Und es gibt davon viele verschiedene Formen. Nicht alle enthalten körperliche Übungen, aber alle vereint eines: die Suche nach innerer Zufriedenheit.
„Yoga bedeutet, den physischen, emotionalen und geistigen Körper in eine Einheit zu bringen“, sagt Brown. „Ich mache Hatha-Yoga, weil das für mich die beste Möglichkeit ist, dieses Ziel zu erreichen. Alles andere: Entspanntheit, ein schöner Körper, Gesundheit entstehen als Nebenprodukte.“
Wie heilt Yoga?
Auch Brown hat mehrfach erfahren, dass Yoga heilen kann. Seiner Erfahrung nach ist es die Konzentration auf sich selbst und das Loslassen, die diese Heilung bewirken. Beispiel Rückenschmerz: „In vielen Fällen wird Schmerz durch Anspannung verursacht. Und wenn ich diese Anspannung, etwa durch konzentrierte gleichmäßige Bauchatmung, loslasse, dann entstehen Wohlgefühl und Zufriedenheit“. Brown ist immer wieder überrascht, was Yoga alles heilen kann. Voraussetzung für ihn ist allerdings eines: Achtsamkeit, also die vollkommene Konzentration auf sich und den eigenen Körper. Das bedeutet nicht, dass die Sinne komplett ausgeschaltet werden. Im Gegenteil: Nur wer auf die Empfindungen und Signale des eigenen Körpers achtet, profitiert wirklich davon. Was es auszuschalten gilt, das sind die vielen Ablenkungen: den unangenehmen Autolärm von draußen, das Husten des Nachbarn, die grelle Beleuchtung im Nebenzimmer. „Es ist die Achtsamkeit, die Yoga vom Stretching unterscheidet“, betont Brown.
Und genau diese Achtsamkeit führt auch dazu, dass man beim Yoga in der Regel keinen gesundheitlichen Schaden nimmt. „Yoga ist immer eine individuelle Reise“, sagt Brown, „falscher Ehrgeiz schadet hier nur“. Der sonst in unserer Gesellschaft überall präsente Leistungsgedanke darf und muss dabei wegfallen. Es geht beim Yoga nicht darum, wie wir es machen wollen oder wie die Nachbarin es macht. Es geht einfach darum, zu akzeptieren, wie es ist und was der eigene Körper in diesem Moment kann – oder auch nicht. Daher ist Yoga auch für fast alle Menschen geeignet.
Wenn man übertreibt
Wenn es dabei zu Verletzungen kommt, dann liegt das meist daran, dass die Teilnehmer übertrieben haben, weiß der Lehrer: „Yoga kann auch schaden, wenn man nicht auf sich hört und am Anfang zu viel auf einmal will. Unser Körper ist wie ein Auto. Wer jeden Tag Vollgas gibt und ständig Rennen fahren will, braucht sich nicht zu wundern, wenn das Auto irgendwann streikt“. Hin und wieder an die Grenzen zu gehen, ein leichtes Ziehen in Muskeln und Sehnen auszuhalten, ist in Ordnung. Aber wenn bei einer Asana etwas richtig weh tut, dann sollte man diese Übung weg lassen, raten Hultsch und Brown.
Gerade Anfänger sollten also vernünftig mit dem eigenen Körper umgehen. „Man braucht mehrere Stunden, um reinzukommen. Man würde ja auch keinen Ballettkurs besuchen und ohne Vorbildung plötzlich Schwanensee tanzen wollen“, sagt Brown. Außerdem sollte man sich den Yogalehrer gut aussuchen. Wer nach einem Wochenendkurs schon selbst Yoga unterrichten will, ist sicher nicht genügend ausgebildet: „Ein Yogalehrer sollte beispielsweise wissen, was beim Kopfstand mit Kopf und Bandscheibe passiert“, sagt Hultsch. „Wenn jemand zu schwach ist, dann ist ein Kopfstand zu gefährlich.“ Und wer unter einer akuten Verletzung wie einem Bandscheibenvorfall leidet, sollte am besten ganz auf Yoga verzichten, bis die Verletzung ausgeheilt ist.
Ist Yoga ein Sport? Es auf das Körperliche zu reduzieren, greift jedenfalls zu kurz. Wer unbedingt möglichst schnell Körperfett abbauen, Muskeln aufbauen oder sich Beweglichkeit antrainieren will, sollte es besser mit Krafttraining, Aerobic oder Tanzen versuchen. Der Yoga-Weg ist ein anderer. Er sucht die Verbindung von Körper und Seele. Nur wer bereit ist, die Reise zu sich selbst anzutreten, wird dabei irgendwann das wichtigste Ziel von Yoga erreichen: innere Zufriedenheit. Wie Brown sagt: Schön, entspannt und gesund wird man ganz nebenbei.

 

 

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